Heileritis

„Ist dir eigentlich schon aufgefallen, wie unausgeglichen du heute bist?“

„Äh, nein …“

„Denk ich mir nämlich. Du merkst gar nicht, daß du meine Energie damit störst.“

„‘tschuldige, was stör ich gerade? Und wodurch?“

„Siehst du? Wenn du dich nicht ständig hinter deinen Blockaden verstecken würdest, müßtest du diese Frage gar nicht stellen – dann würdest du spüren, worum’s geht!“

„Jetzt mal langsam. Noch mal von vorn bitte. Was genau ist los?“

„Das ist eine typische Ausweichtaktik. Du versuchst das Ganze mit deinem Verstand begreifen zu wollen, das geht aber nicht. Das liegt daran, daß du überhaupt keinen Bezug mehr hast zu deinen Gefühlen. Würd mich nicht wundern, wenn deine Chakren ganz zu wären. Deshalb fühlt sich deine Aura auch so hart an!“

„Whoa. Woher willst du …“

„Das liegt sicher an einem Trauma aus deiner frühen Kindheit, wahrscheinlich kommt‘s sogar aus einem Vorleben.“

„He, Stop. Mir geht’s eigentlich ganz gut.“

„Oh Mann, wie kannst du nur so ichbezogen sein! Merkst du nicht, wie sehr ich darunter leide?!“

„Äh, tut mir leid. Ist mir tatsächlich nicht aufgefallen.“

„Das ist auch kein Vorwurf. Weißt du, ich will dir doch nur helfen! Du mußt doch begreifen, daß was nicht in Ordnung ist. Was glaubst du – wie würd sich’s anfühlen, wenn dein Chi wieder im Fluß ist? Na? … He, jetzt warte doch! Wo rennst du hin? … –Ts. Typisch. Will nicht in den Spiegel schauen …“

 

Ganz ehrlich: Der Dialog ist zwar etwas pointiert formuliert, aber kaum übertrieben. So was kann einem schon passieren, wenn jemand frisch von einem Wochenendkurs oder einer Ausbildung zum esoterischen Heiler kommt. Und ich spreche hier gar nicht über die Sinnhaftigkeit oder Wirksamkeit einzelner Methoden, sondern über deren meiner Meinung nach unverantwortliche und unethische Anwendung, die ich als ein „Krankheits-Symptom“ des New Age wahrnehme: Heileritis.

Heileritis entsteht oft, wenn aus einem probaten Hilfsmittel eine Art Heilslehre wird, der dann alles entsprechen muß. Sie äußert sich zum Beispiel dadurch, daß einem „Hilfe“ aufgedrängt wird, und zwar ohne nachzufragen, ob sie überhaupt angebracht, gewollt und stimmig ist.

Eine häufige Begleiterscheinung von stark ausgeprägter Heileritis ist dann noch eine spezifische Haltung, die im Falle von Zurückweisung des Hilfeversuchs und / oder Mißlingen desselben auftritt und besagt: Wenn’s nicht funktioniert, ist der andere schuld (ist noch nicht so weit oder zu wenig feinfühlig, will sich dem Thema nicht stellen, kann sich einfach nicht fallenlassen, ist von negativen Mächten besetzt, hat hinderliche Glaubenssätze, störende Blockaden oder karmisch-systemische Verstrickungen, die zuvor aufgearbeitet werden müssen, etc.) – es liegt aber keinesfalls daran, daß die eigenen Annahmen verkehrt wären!

Ich nehme sehr gern Hilfe aller Art in Anspruch; auf akute Anfälle von Heileritis reagiere ich mittlerweile allerdings echt allergisch.

Vor einiger Zeit etwa besuchte ich regelmäßig eine körperorientierte Therapieform. Einmal bearbeitete meine Therapeutin im Lauf der Behandlung lange und intensiv einen Punkt auf meiner Brust, und ich genoß es. Irgendwann fragte sie mich entnervt, ob‘s mir denn nicht weh tut. Ich war überrascht, denn es fühlte sich zwar ungewohnt, aber durchaus gut an. „Das kann nicht sein“, wurde ich belehrt, „diese Stelle tun jedem weh!“ „Mir nicht, sorry …“ Daraufhin mühte sie sich nur noch mehr ab, bis sie fast erschöpft war: „Doch, das muß weh tun, das tut allen weh!“ „Soll ich dir jetzt ein Theater vorspielen?“ fragte ich sie, und verkniff mir die Wörter, die mir noch auf der Zunge lagen: … damit’s wieder in dein Schema paßt? Das war jedenfalls, bei aller Dankbarkeit für die bisherige Arbeit, das letzte Mal, daß ich dort war.

Es wurden mir auch schon mehr als einmal Traumata konstatiert, wo keine waren (und dafür vielleicht tatsächlich existierende übersehen), verbunden mit der eindringlichen Forderung, mich doch jetzt bitte endlich ‚weiterbringen‘ zu lassen. Hui. Wer mich kennt, kann sich vorstellen, daß ich da irgendwann nicht mehr ganz so gutmütig reagiere … Als großen Teil der Selbstermächtigung sehe ich es nämlich an, die Verantwortung dafür zu übernehmen, selbst entscheiden zu dürfen, wie‘s mir geht und ob und wann ich gegebenenfalls etwas daran ändern möchte.

Wie schützt man sich vor Heileritis? Frag Dich selbst:

  • Als allererstes – wurde ich überhaupt gefragt, ob das jetzt für mich okay ist?
  • Trifft die Annahme tatsächlich zu, daß da was ist, was gelöst werden könnte; löst das in mir eine Resonanz aus?
  • Hab ich Lust drauf, mir das jetzt anzuschauen?
  • Hab ich Lust drauf, mir das jetzt gemeinsam mit diesem Menschen anzuschauen?
  • Wurde mir seine Methode plausibel erklärt?
  • Ist sie jetzt für mich stimmig?

Wenn Du eine dieser Fragen mit Nein beantwortest – laß um Himmels willen die Finger davon! (Und mach den anderen vielleicht so diplomatisch wie nötig und deutlich wie möglich auf seine Grenzüberschreitung aufmerksam.)

Diese Etikette verlange ich anders herum auch von mir selbst: Wenn ich das Gefühl habe, beispielsweise durch magische Arbeit etwas beitragen zu können, äußere ich maximal eine Anregung dahingehend, daß es vielleicht noch andere Möglichkeiten gäbe, sich damit auseinanderzusetzen. Nur wenn dann weitere Fragen kommen, gehe ich etwas tiefer. Ansonsten habe ich meinem Verständnis nach nicht das Recht, mich einzumischen.

Meine bisherige Erfahrung  ist, daß sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Dinge ohnehin „von allein ergeben“. Je mehr ich versucht habe, etwas zu erzwingen, um so weniger hat’s funktioniert. Je mehr ich dagegen im Flow war und den Dingen erlaubt habe, sich in ihrem Tempo zu entfalten, umso einfacher war’s. Ich bin davon überzeugt: Es kommt alles zum richtigen Zeitpunkt. Und dann darf es geschehen. Oder, wie es einer der liebenswertesten Heiler unserer Zeit formuliert (Dr. Eric Pearl, The Reconnection, Koha, Burgrain 2010, S. 168.):

Unsere Lektion ist es, das Sein zu erlernen. Die Freiheit des Seins wird Sie aus dem Druck des Tuns herauswinden.

Probier’s mal mit Gemütlichkeit …

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