A Sense of Wonder

Als der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle, besser bekannt unter dem Pseudonym Stendhal, 1817 Florenz besuchte, fühlte er sich, überwältigt von der Fülle an Kunstwerken, wie ein Verliebter; ja, er fiel sogar in eine Art Ekstase. Auch andere Künstler waren mehr als begeistert von den Meisterwerken, denen sie sich in Italien gegenübersahen – sie beschrieben Zustände von Sinnesverwirrtheit und tiefer Ergriffenheit. Dieses sogenannte Stendhal-Syndrom kann auftreten, wenn jemand einem außergewöhnlich schönen oder großen Kunstwerk „ausgesetzt“ ist (oder einer großen Ansammlung von Kunst auf geringem Raum) und geht manchmal einher mit Schwindel, Wahrnehmungsstörungen und Bewußtseinsveränderungen.

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Gestern hatte ich scheinbar so eine ähnliche Erfahrung … in Bezug auf die ganze Welt. Ich begab mich in einem rituellen Rahmen wieder mal gezielt in einen veränderten Bewußtseinszustand. Aus dieser Perspektive nahm ich die Erde als einen zwar ungeheuer faszinierenden, gleichzeitig aber auch äußerst verwirrenden und durchaus furchteinflößenden Ort wahr, einen vollkommenen Irrgarten. Und ich konnte nicht nur intellektuell nachvollziehen, weshalb „geistige Wesen“ immer wieder davon sprechen, daß sie uns zwar einerseits beneiden, andererseits jedoch geradezu bewundern für unseren Mut, hier zu inkarnieren – ich konnte es in diesen Momenten uneingeschränkt nachempfinden! Diese Welt flößte mir regelrecht Ehrfurcht ein; ich fühlte mich sehr offen, sehr emotional und berührt von allem um mich herum.

Zeichnung aus meiner Schulzeit: meine Hand

Was heißt um mich herum? Zunächst mal von mir selbst, von meinem eigenen Körper. Ich war gefesselt von der minutenlangen eingehenden Betrachtung meiner Finger! Herrje, Finger – welche Wunder! Es war eine Erfahrung, die ich schon ein paarmal erlebt hatte, die mich aber nichtsdestotrotz wieder sprachlos machte ob ihrer Intensität. Es war tatsächlich so, als erlebte ich alles hier zum ersten Mal: Den Boden, die Wände, die Möbel, die Luft, die ich einatmete, die kleinen Unebenheiten und Nähte meiner Ledercouch, die ich erstaunt betastete, die Rücken der Bücher und DVD-Boxen in den Regalen … Meine Güte, wie bewerkstelligen die Menschen es nur, so was zu erschaffen? Und mein Körper ermöglichte es mir, all das aufzunehmen! Ich geriet – mir fällt kein besserer Ausdruck ein – in Verzückung darüber. In vollen Zügen und eindringlich genoß ich einige meiner Lieblings-Sinneseindrücke: den Geruch einer frisch geöffneten Packung Erdnußflips, den Geschmack einer Hartwurst und eines Stücks Schokolade, das Aroma eines Schlucks Elixir d’Anvers … oh Mann, und dann erst die Musik! Ich war zutiefst dankbar dafür, das alles erleben zu dürfen. Fassungslos stand ich auf meinem Balkon und schaute mit offenem Mund den Gewitterwolken am Himmel zu; ich muß ausgesehen haben wie ein Idiot. Das alles war so spektakulär, so überwältigend schön, fragil und vergänglich, einzigartig im jeweiligen Moment, ebenso wie mein Körper (mitsamt seinen Verspannungsschmerzen in den Schultern) – Ausdruck und ekstatische Präsenz des Göttlichen in der Welt. Ein bißchen ging’s mir so wie Ellie Arroway, gespielt von Jodie Foster, bei ihrer interdimensionalen Reise in Robert Zemeckis’ Verfilmung von Carl Sagans Roman Contact von 1997: Mir fehlten einfach die Worte.

„Poetry! They should have sent a poet. So beautiful. So beautiful … I had no idea …“ Dieses ‘sprachlose Staunen im Angesicht des Wunderbaren’ empfinde ich als grandioses Geschenk. Es macht mir das vollständige, selbständige und absichtslose Zuhause-Sein in meinem Körper, innerhalb der Illusion zum Vergnügen. Ich hoffe, ich kann Euch mit diesen Zeilen und bei meinen Seminaren auch Aspekte dieses Seinszustands vermitteln: Reaktionen auf das Verstehen eines Konzepts im Kontext neuer Informationen (zumindest mögen sie manchen neu erscheinen, in Wirklichkeit ist es eher ein Erinnern, nehme ich an).

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